Zucker

süß wie Ohrenschmalz

Paul Seyer Flaschenbier

Mein Opa hat bis Mitte der 70er Jahre an der Haustür Bier, Limo und Eis verkauft. Das habe ich als Kind gerade noch so mitbekommen. Ich selber kann mich allerdings nur noch an das Eis erinnern:

Brauner Bär, Berry, Dolomiti, Miami und Domino.

Das hatte ich lange Zeit vergessen, aber wenn ich jetzt Familenpackungen Eis kaufe, stehe ich manchmal vorm Eisfach und rieche an den gefrorenen Kartons. Das weckt in meinem kranken Hirn längst vergessene Eindrücke. Herrlich!

Mein Vater erzählte mir gestern, dass dieser Haustürverkauf in etwa 1962 begann, weil damals „die Holländer“ in Hessisch Oldendorf die Kaserne und die benachbarten Wohnsilos für die Soldatenfamilien bauten. Die Bauarbeiter hatten riesigen Bedarf an Bier und 7UP. Was anderes hätten die angeblich nicht zu sich genommen.

Nachdem die Bauarbeiterkolonnen abgezogen sind, ging das Geschäft mit den Holländern erst so richtig los. Pausenlos seien telefonische Bestellungen eingegangen, die Opa Paul dann in seinen Bollerwagen lud und persönlich auslieferte. Wohl auch eine Menge Schnaps und ähnliche Leckereien.

Aus dieser Zeit stammt der Begriff „Paul Seyer Flaschenbier“, das stand nämlich 25 Jahre lang auf den Schecks mit den Kleinstbeträgen, die wir von der Automatenfirma dafür bekommen haben, dass an unserem Jägerzaun ein Zigarettenautomat angebracht war und die Dödel zu jeder Tages- und Nachtzeit bei uns klingelten weil ihr vergurktes Markstück nicht wieder raus kam. Darüber habe ich mich als Teenager vor allem Sonntags morgens um zehn sehr gefreut.

Ich dachte bis letzte Woche, dieser Haustürverkauf wäre ein Einzelfall, doch nun habe ich mitbekommen, dass es solche Rentner-Verkaufsstellen damals auch hier in Hameln gegeben hat.

Ist das eine örtlich begrenzte Erscheinung oder kennen das andere auch noch?

Posted in Mumpitz | 5 Comments

5 Responses to Paul Seyer Flaschenbier

  1. kiezkind™ says:

    Hm… Wo gab es das denn in Hameln? Ich kenn sowas auch noch, weiss aber nicht mehr woher…

  2. Rouven says:

    Oh, das kenne ich allerdings auch. Manche hatten in Lügde sogar mehrere Automaten mit Süßigkeiten im Hausvorflur und hatten die Haustür deswegen immer offen stehen.
    Bei anderen musste man dann doch noch klingeln, wenn es einem Sonntags nach einem billigeren Bier verlangte. Sehr kommunikativ das Ganze. Heute gehste schnell mal zur Tanke.

  3. Lars says:

    In Hameln gab es das in der Nähe vom Wehler Platz, und die Leute hießen “Fraatz”. Ich erinnere mich noch, wie ich damals immer mit meinen Eltern feilschte, weil ich keine Lust hatte, für sie zu “Fraaaaaaatz” zu gehen.

    Hab’s dann aber doch gemacht, wenn der Lohn hoch genug ausgehandelt war. (“Kannst Dir auch was für 2 Mark kaufen.”)

    Es roch da immer nach alten Leuten und gekochten Kartoffeln, fand ich. Ich erinnere mich an Gummitischdecken in den Küchen.

  4. nicole says:

    wir haben auch bier, limo, eis usw. im haus verkauft!! bimöhlen, bei bad bramstedt in schleswig-holstein! dort nennt sich sowas hausladen und war früher in einigen orten vertreten!
    anfangs fand ich das als junges mädel total spannend…. ” mal gucken wer heute vor der tür steht!?”. als ich älter wurde, fand ich es einfach nur nervtötend!! zum glück haben meine eltern das spektakel nur einige wenige jahre durchgezogen….

  5. Telefonjoker says:

    Wir sind früher in Klein Berkel (Ortsteil von Hameln) immer zu “Tante Fredi” gegangen, obwohl es zu “Schröders” sogar näher gewesen wäre. Nur hatten die einen grotesk grossen Köter und da saß immer angetrunkenes, arbeitsscheues Gesindel ‘rum, vor denen wir als Grundschüler doch ‘n bisschen Schiss hatten. Den Namen der dritten Eis-Station weiss ich leider nicht mehr, aber die hatten ihre Leckereien nicht von Langnese, sondern einer anderen Firma, so dass man dort das legendäre HIMI JIMI ( 30Pfennig!!!) und PERLI-POP bekam.
    Gute alte Zeiten…

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