Wer braucht eigentlich diese verschissenen Orientteppichläden?
Meine favorisierte Videothek hat plötzlich und unerwartet geschlossen. Die war eigentlich fast neu, gehörte zu einer großen Kette und bot alles an, was mein Herz begehrte. Wahrscheinlich war der Umsatz zu flau. An mir hat es bestimmt nicht gelegen.
Statt dessen zieht da jetzt ein Fachgeschäft für Orientteppiche ein. Ich will gar nicht erst mit der alten Leier von “100% echter Kinderarbeit” anfangen, aber mal ehrlich, wer kauft da eigentlich ein? So wie ich dass sehe hat der Bundesbürger entweder Teppichboden (Auslegeware) oder irgend einen Hartboden. Einen Teppich (Läufer) besorgt er sich, wenn er so etwas überhaupt noch in der Bude haben will, bei Ikea. Fertig. Und selbst wenn er sich mal einen “echten Perser” leistet, dann doch wohl eher alle 10 Jahre einmal, als 10 mal im Jahr? Wo ist also der Markt für diese Läden? Diese Vermutung wird durch den Importeursverband European Carpet-Importers Association (Euca) in Hamburg bestätigt, wonach die Teppichimporte in den vergangenen sechs Jahren um die Hälfte zurück gegangen sind.
Richtig nervtötend finde ich allerdings diese Arroganz, mit der uns regelmäßig die Geschäfstaufgabe vorgegaukelt werden soll. Kaum dachte ich an die großem Schilder, neonfarben mit schwarzen Aufdruck “Total-Räumungsverkauf!”, “Alles muss raus!”, “Wir räumen unser Lager!” oder “Wir hören auf. 3 Teppiche zum Preis von fünf!”, schon stand es genau so in riesigen Lettern am Schaufenster: “Das letzte Kapitel einer 37-jährigen Ära.” Ach du grüne Neune, hauen die auf die kacke.
Rennen da wirklich Leute hin und kaufen sich so einen sauteuren, weil angeblich mundgeklöppelten, Orientteppich, der so aussieht als hätte ich einen Döner drübergegöbelt? Wenn ja, empfehle ich dringend einen Blick auf den Artikel in der Welt zu werfen, den mir freundlicherweise Lars genannt hat.
Für mich wird das jedenfalls ewig ein Rätsel bleiben. Ich will meine Videothek zurück
In diesem zusammenhang fällt mir immer die hamburger Speicherstadt ein, wo man entweder ein Teppichhändler oder ein Plattenproduzent sein muß um einen Laden aufmachen zu dürfen. Am liebsten noch in Kombination.
Tachchen!
Dazu muss ich mal kurz anmerken, was mir mal ein ehemaliger Abi-Kollege über die Geschäftspraktiken von Teppichhändlern erzählt hat:
Nennen wir diesen Kollegen mal Omid K., dessen Vater zufällig stolzer Besitzer von zwei derartigen Läden in Pyrmont ist (mittlerweile hat besagter Omid einen der beiden Läden übernommen). Also, die Teppiche werden selbstverständlich billig im Ausland, sagen wir mal im Iran, hergestellt (ob von Kindern oder nicht, will ich mal dahingestellt lassen – jedenfalls sind die Lohnkosten sehr gering) und von dort über ähnliche Teppichläden (ebenfalls im Familienbesitz) nach Deutschland importiert. Die Gewinnspanne für einen einzigen Teppich ist so hoch, dass es reicht nur sehr wenige davon verkaufen zu müssen, um seine Familie durch zubringen. Eine weitere beliebte Geschäftspraktik ist in unregelmäßigen Abständen Räumungsverkäufe mit Rabatten von bis zu 80% (selbst dann wirft ein Teppich noch Gewinn ab!) durchzuführen, den Laden anschließend dicht zu machen und an anderer Stelle einen neuen zu eröffnen, natürlich wieder mit supertollen Eröffnungsangeboten. Somit können gleich zweimal Kunden angelockt und Perser verkauft werden.
Letztendlich scheinen also die wenigen Kunden, die man ja eigentlich nie sieht, auszureichen, um gut davon leben zu können.
MFG
The A-Zubi